Für Mensch und Natur: 50 Jahre Hofgut Marjoß
Pioniergeist im Spessart: Menschen mit Behinderungen arbeiten seit 1976 in der Landwirtschaft und Tierpflege/ Hoftag für die ganze Familie am 20. September 2026
Frische Landluft, das Summen von Bienen und das zufriedene Grunzen von Schwäbisch-Hällischen Landschweinen – wer das Hofgut Marjoß besucht, spürt sofort die besondere Atmosphäre dieses Ortes. Der Bioland-Betrieb in Marjoß ist ein lebendiges Stück Zeitgeschichte des BWMK und ein Beispiel für die gelungene Verbindung von Teilhabe in der Arbeitswelt und ökologischer Nachhaltigkeit.


Wie alles begann: In einer Vorstandssitzung der Lebenshilfe Schlüchtern äußerte Dr. Rudolf Pabst, einer der Gründer der Lebenshilfe Schlüchtern, die Idee, neben der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) auch in einem landwirtschaftlichen Betrieb Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen und fand sofort die Unterstützung des damaligen Landrats Heinrich Kreß. Und so wurde im Jahr 1976 - bereits zwei Jahre nach der Gründung des Behinderten-Werk Main-Kinzig e.V. – das Hofgut im Spessart gekauft. Eine mutige und zukunftsweisende Idee: Menschen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen sollten nicht nur – wie es zu dieser Zeit noch häufig der Fall war – betreut werden, sondern einen echten, sinnstiftenden Arbeitsplatz in der Natur erhalten. Aus den Barackenhöfen in Marjoß entstand so Schritt für Schritt ein strukturierter Betrieb, der Barrieren im Kopf und auf dem Feld abbaut.

Seit 1999 Bioland-Betrieb
Ein weiterer Meilenstein folgte im Jahr 1999. „Lange bevor Bio ein Trend wurde, stellte das Hofgut Marjoß den Betrieb auf die strengen Richtlinien des Bioland-Verbandes um. Die Philosophie dahinter: Respekt vor der Natur, artgerechte Tierhaltung und geschlossene Kreisläufe“, berichtet Hofgut-Leiter Dietrich Hunsmann. Im Lauf der Jahrzehnte hat sich das landwirtschaftliche Anwesen zu einem Betrieb mit rund 110 Hektar Fläche entwickelt, der rund 50 Menschen mit Behinderungen Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht.
„Die Arbeit mit den Tieren gibt mir unheimlich viel Ruhe“, erzählt ein Mitarbeiter, der sich am liebsten um die mobilen Hühnerställe kümmert. „Man sieht jeden Tag sofort, was man geschafft hat. Das macht mich stolz.“ „Ob Angus-Rinder, Freiland-Gänse oder die Zweinutzungshühner, bei denen nicht nur die Hennen Eier legen, sondern auch die Hähne aufgezogen werden - das Tierwohl steht immer an erster Stelle“, berichtet Hunsmann.
Auch für die Menschen in der Region hat sich das Hofgut immer weiter geöffnet. Ein sichtbares Zeichen dieses Wandels ist das im Jahr 2021 eingeweihte Naturerlebnis-Zentrum sowie die moderne Mensa. Inmitten urwüchsiger Natur wurde ein einzigartiger Lern- und Erlebnisraum geschaffen. Für Schulklassen, Familien, Vereine und sonstige Gruppen werden Workshops angeboten, zum Beispiel Wissenswertes zu Huhn und Ei und wie Nudeln daraus werden oder zum Biber und seiner Burg. Hier wird Ökologie anfassbar.
Natur erleben - in Kursen und Workshops auf dem Bauernhof
Das Blauhaus, der inklusive Bildungs-Campus des BWMK, hat die Schulungsreihe „Bauernhof-Begleiter:in“ entwickelt, die die Teilnehmer:innen im Bereich Tierkunde und Pflanzenkunde spezialisiert. Neben der Fachlichkeit lernen die Teilnehmer:innen in unterschiedlichen Lernsettings unter anderem, wie sie sich souverän und sicher im Umgang mit Besucher:innen und Gruppen präsentieren. Mit diesem Tätigkeitsfeld wurde das Arbeitsangebot auf dem Hofgut Marjoß für Menschen mit Behinderung erweitert.

Führungen zu bestimmten Themen gehören ebenso zum Konzept, wie die Mitwirkung an Veranstaltungen mit speziellen Themenschwerpunkten, wie beispielsweise der Hoftag oder die Workshops „Mitmachen – Natur erleben“. So haben seit 2019 bereits elf Hofgut-Mitarbeitende die Qualifizierung abgeschlossen. Ergänzend schult das Blauhaus-Team die ausgebildeten Bauernhof-Begleiter:innen vor allem nach und festigt bei ihnen erworbenes Wissen.
Zweinutzungs-Hühner
- Rettung der Brüder: Bei herkömmlichen Rassen werden die männlichen Küken oft aussortiert, weil sie keine Eier legen und kaum Fleisch ansetzen. Bei Zweinutzungsrassen legen die Hennen Eier, während die Hähne zwar langsamer wachsen, aber hochwertiges Fleisch ansetzen.
- Grüne Wiese im Abo: Durch die mobilen Hühnerställe zieht die Hühnerschar regelmäßig auf frische Weidestücke um. Das schont den Boden und sorgt stets für frisches Grünfutter.
- Hofgut-Miethuhn: Unterstützer aus der Region können eine Patenschaft für ein Huhn übernehmen und erhalten im Gegenzug regelmäßig frische Bioland-Eier direkt aus dem Spessart.
Bioland auf dem Hofgut Marjoß
- Natürlicher Kreislauf: Der Mist der Tiere dient als wertvoller Dünger für die Felder, auf denen wiederum das Futter für das nächste Jahr wächst.
- Keine Chemie: Chemisch-synthetische Pestizide und leicht lösliche Mineraldünger sind strengstens verboten. Unkraut wird mechanisch bekämpft.
- Artgerechte Tierhaltung: Jedes Tier hat deutlich mehr Platz im Stall, Stroheinstreu und verpflichtenden Zugang zu Weiden oder Freigelände.
- Fokus Tierwohl: Die Fütterung erfolgt ausschließlich mit ökologisch erzeugten Futtermitteln, bevorzugt aus eigenem Anbau.
Naturerlebnis-Zentrum
- Veranstaltungsangebot: Das Team vom inklusiven Bildungscampus Blauhaus hat ein Angebot konzipiert, das sich an Kinder und Erwachsene richtet.
- Große Themenvielfalt: Vom Leben auf dem Bauernhof über Bio-Lebensmittel-Herstellung bis hin zu Ökologie und Umweltschutz.
- Mitglied im Projekt „Lernfeld-Landwirtschaft“: Der Main-Kinzig-Kreis bietet Kita- und Schulkindern die Möglichkeit, die Bildungsmöglichkeiten zu nutzen, die ein Bauernhof bietet, der auf ökologische Weise wirtschaftet.
Kursprogramm unter: www.hofgut-marjoss.de
