Einsteigen, mitarbeiten, anders denken

Das war der Schichtwechsel 2026: Teilnehmer:innen zeigen sich beeindruckt von Eindrücken und Erfahrungen in der Arbeitswelt des/der jeweils anderen

Dominik Troschka erlebte einen spannenden Tag bei der Hanauer Straßenbahn GmbH. Foto: Moritz Göbel

Ein Linienbus ist für die meisten Menschen vor allem ein Verkehrsmittel. Für Dominik Troschka wurde die Hanauer Straßenbahn GmbH (HSB) beim bundesweiten Aktionstag „Schichtwechsel“ dagegen für einen Tag zum Arbeitsplatz. Hinter die Kulissen eines Verkehrsbetriebs zu schauen, Abläufe kennenzulernen und eine Arbeitswelt zu betreten, die sonst verschlossen bleibt: Für den Werkstattbeschäftigten des BWMK war der Tausch bei der HSB ein aufregender Perspektivwechsel.

Wie viel Technik, Koordination und Verantwortung hinter dem täglichen Busbetrieb stehen, erschließt sich schließlich erst, wenn man nicht an der Haltestelle stehen bleibt, sondern den Betrieb von innen erlebt. Genau darin liegt die Idee des „Schichtwechsels“. Menschen mit Behinderungen verlassen für einen Tag ihren gewohnten Arbeitsplatz in einer Werkstatt und arbeiten in Unternehmen, Verwaltungen oder anderen Betrieben mit. Beschäftigte des allgemeinen Arbeitsmarktes gehen den umgekehrten Weg. Das BWMK brachte in diesem Jahr Tauschpartnerinnen und Tauschpartner aus seinen Werkstätten mit Mitarbeitenden aus insgesamt 30 Unternehmen, Betrieben und Verwaltungen im Main-Kinzig-Kreis und im Rhein-Main-Gebiet zusammen.

Hanau war dabei ein Schwerpunkt. Vom Brockenhaus aus starteten am Morgen die Tandems in einen Arbeitstag, dessen eigentlicher Gegenstand weniger der Tausch von Tätigkeiten als der Tausch von Perspektiven war.  „Inklusion bleibt abstrakt, solange vor allem über Strukturen, Quoten und Zuständigkeiten gesprochen wird. Sie wird konkret, sobald Menschen miteinander arbeiten“, betont BWMK-Geschäftsführerin Mareike Meister.


Werkstattrat Patrick Demuth auf dem Sessel von Hanaus Rathauschef Dr. Maximilian Bieri.

Hanaus Bürgermeister Dr. Maximilian Bieri kennt das Format aus eigener Erfahrung. „Ich habe den ‚Schichtwechsel‘ inzwischen mehrfach selbst erlebt und finde die Idee nach wie vor großartig: Menschen wechseln für einen Tag die Perspektive, lernen die Arbeitswelt des jeweils anderen kennen und kommen ganz selbstverständlich miteinander ins Gespräch. Genau diese persönlichen Begegnungen schaffen Nähe und zeigen, dass Inklusion vor allem dort entsteht, wo Menschen einander kennenlernen und erleben, was jede und jeder kann“, sagt Bieri.

Wie unmittelbar das funktionieren kann, zeigte sich auch im Haus für Demokratie und Vielfalt der Stadt Hanau. Werkstatt-Rat Patrick Demuth freute sich darauf, dort Melina Schmidt zu unterstützen und ihre Arbeit kennenzulernen. Schmidt wiederum formulierte einen Gedanken, der den Kern des Aktionstags trifft: Sie sei froh über die Begegnung, „weil wir uns im Alltag vielleicht sonst nicht begegnet wären“.

Arbeitswelten öffnen
Auch die HSB versteht den Aktionstag in diesem Sinne. „Der ‚Schichtwechsel‘ zeigt eindrucksvoll, wie viel wir voneinander lernen können, wenn wir Arbeitswelten miteinander teilen. Wir freuen uns, als Hanauer Straßenbahn GmbH Begegnungen zu ermöglichen, die Inklusion stärken und neue berufliche Perspektiven eröffnen“, sagt Stadträtin und HSB-Aufsichtsratsvorsitzende Isabelle Hemsley.

Dass dies keine Einbahnstraße ist, wurde an vielen Stationen des Hanauer Schichtwechsels deutlich. Bei Heraeus Precious Metals etwa erhielt Karsten Gilmer Einblicke in Personalthemen, Marketing sowie AI und Digital. Für Chris Menz aus dem Bereich Digital Business & Data Science ist gerade die Entwicklung digitaler Lösungen auf unterschiedliche Perspektiven angewiesen. Diese müssten in ihrer Nutzung inklusiv sein; dafür reiche die eigene Sichtweise nicht aus. Ein Tag wie der Schichtwechsel helfe, „auch andere Sichtweisen auf unsere Arbeit kennen zu lernen“.


Konzentrierte Atmosphäre bei Heraeus.

Umgekehrt besuchte Volker Skowski, Vertrauensmann der schwerbehinderten Menschen bei Heraeus Precious Metals, die Reha-Werkstatt Großauheim. Sein Eindruck fiel eindeutig aus: Er sei „sehr beeindruckt, wie vielfältig und komplex die Aufgaben sind, die hier von Menschen mit komplexen Behinderungen ausgeführt werden“.

Auch die Medien wechselten die Seite. Steffen Lynch, Volontär des Hanauer Anzeigers, verbrachte seinen ersten Schichtwechsel in den Steinheimer Werkstätten. Vor dem Start freute er sich darauf, dort den Arbeitsalltag und die Menschen kennenzulernen. Nach dem Aktionstag zog Chefredakteurin Yvonne Backhaus-Arnold Bilanz: Die teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen hätten es als bereichernd erlebt, „den Blick zu weiten und zu erleben, wie Dinge für Menschen mit Handicap ganz anders mitgedacht werden müssen“. Der Schichtwechsel erweitere die Perspektive und baue Berührungsängste ab.


Chefredakteurin Yvonne Backhaus-Arnold im Gespräch mit Sascha Pretsch.

Wenn aus einem Tag eine Perspektive wird
Wie konkret ein solcher Austausch werden kann, zeigt das Tandem von Johannes Rieth und Isabella Venditti aus dem Eingangsverfahren des inklusiven Bildungscampus Blauhaus in Hanau. Rieth sprach anschließend von „sehr vielen Einblicken in die Arbeit einer Werkstatt“ und einer Erfahrung, aus der er auch persönlich viel mitgenommen habe. Venditti wiederum zog ein bemerkenswert praktisches Fazit: „Es war ein sehr schöner Tag und ich möchte gerne dort ein Praktikum anfangen.“

Damit berührt der Aktionstag eine der schwierigsten Fragen der beruflichen Teilhabe. Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, verweist darauf, dass die Übergangsquote aus Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bislang „erschreckend niedrig“ sei. Ein Perspektivwechsel könne helfen, Haltungen zu verändern. Werkstattbeschäftigte könnten ermutigt werden, einen Wechsel in Betracht zu ziehen; zugleich könnten Unternehmen ihr Potenzial als Arbeits- und Fachkräfte erkennen und neue Wege der Unterstützung kennenlernen.

Bundesweit hat der „Schichtwechsel“ inzwischen eine beachtliche Größenordnung erreicht. Rund 400 Werkstätten beteiligten sich 2026, insgesamt etwa 5000 Menschen tauschten ihren Arbeitsplatz – rund 3000 Werkstattbeschäftigte und 2000 Mitarbeitende des allgemeinen Arbeitsmarktes. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen spricht von einem neuen Teilnahmerekord.

Auch im östlichen Main-Kinzig-Kreis war das BWMK beteiligt. Von den Bergwinkel-Werkstätten in Schlüchtern aus wechselten Beschäftigte unter anderem in Unternehmen der Region; zugleich lernten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des allgemeinen Arbeitsmarktes die dortigen Arbeitsbereiche kennen.
Am Ende eines solchen Tages kehren die Beteiligten an ihre Arbeitsplätze zurück. Im besten Fall aber nicht mit demselben Blick wie zuvor. Der Schichtwechsel beseitigt nicht mit einem Aktionstag die Hürden einer inklusiven Arbeitswelt. Er macht jedoch sichtbar, wo eine Veränderung beginnen kann: nicht bei der Frage, was Menschen vermeintlich einschränkt, sondern bei der Gelegenheit, zu zeigen, was sie können.

Zurück